Gerhard Munsch

Auszug aus einem Bericht des SPIEGELS 1974. Alle Rechte liegen bei der Redaktion des Magazins der Spiegel.

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Gerhard Munsch

leitete 20 Jahre die Psychologisch-Medizinische Untersuchungsstelle des Technischen Überwachungs-Vereins Bayern; der Aufsicht des Wissenschaftlers — dem 1967 der damalige Bonner Verkehrsminister Georg Leber für Verdienste in der Verkehrserziehung den „Goldenen Dieselring“ überreichte — unterstehen die von ihm eingerichteten sechs Verkehrssicherheitsinstitute des Landes, in denen 60 Ärzte und Psychologen für gute Fahrt forschen.

Neben den Versagern im Straßenverkehr, denen er sich von Amts wegen widmen muß, untersuchte der bis 1954 im Hamburger Staatsdienst tätige Münchner das Verhalten untadeliger Fahrer. Der TÜV-Forscher: „Aus der Struktur des Verkehrs-Charakters, wie man ihn beispielsweise bei langjährig bewährten Kraftfahrern vorfindet, ergibt sich mit aller wünschenswerten Klarheit das Programm einer wirksamen Verkehrsbildung.“

Die überkommene, auf Regelwissen und Mindest-Fahrkönnen gerichtete Verkehrs- und Fahrausbildung hält Munsch für unzureichend und falsch programmiert. Es fehle an „planmäßiger Sinnesbildung“, am „Vertrautmachen mit der Istform des Verkehrens“, das durch dürre Datenvermittlung „über die Sollform des Verkehrens“ nicht erreicht werde.

Welche Bedeutung die mangelhafte Verkehrserziehung in Schulen oder Fahrschulen für das Unfallgeschehen hat, belegten Munsch und Mitarbeiter in Untersuchungen an mehreren tausend Kraftfahrern mit unterschiedlicher Straßenpraxis. In den ersten beiden Jahren der „Kraftfahrer-Pubertät“ ist (entgegen landläufiger Meinung) das Unfallrisiko gering, weil die Anfänger betont sachte chauffieren. Munsch: „Guter Schutz, doch wird dadurch der Prozeß des üblichen Zulernens in der Praxis hinausgezögert.“ Im vierten Führerschein-Jahr hingegen zeigt die Unfallkurve „eine massive Aufgipfelung“ — wenn der Fahrer, nun leidlich mit dem Mobil vertraut, aber bei weitem nicht „mit der ganzen Wirklichkeit des Verkehrsgeschehens“, in eine „auffallend harte Nach-Lehre“ steuert. Und erst vom siebten Praxis-Jahr an ist „so etwas wie eine normale Verkehrstüchtigkeit gegeben“.

Die Ergebnisse des Munsch-Teams wurden inzwischen bestätigt von den amtlichen Unfall-Statistiken, wonach „die Unfallrisiken“ die von dem weniger geübten Kraftfahrer ausgehen … in einer Größenordnung liegen, die generelle Zweifel an dem ausreichenden Ausbildungsstand dieser Gruppe begründet“ (so eine Bonner Kommission).

Nach Ansicht des TÜV-Reformers läßt sich „Verkehrs-Charakter“ — der häufig nichts gemein hat mit dem sozialen Verhalten oder dem allgemeinen Bildungsstand — systematisch trainieren: über bessere Fahrzeugbeherrschung und eine „analytische Verkehrskunde“ die in erster Linie auf das Durchschauen der Verkehrswelt ausgeht“ —

„Verkehrsbewährte“, so hat Munsch erfahren, wissen vor allem „ihre Sinne gut zu gebrauchen“, registrieren „verläßlich und frühzeitig jene Reize, die auf der Straße Beachtung verdienen“, sind firm im „Vorfeld der Gefahr“, wo „das Entscheidende stattfindet“, wo „durch Handlungen oder Unterlassungen das Entschärfen kritischer Situationen besorgt wird“.

Für „die Verantwortlichen im Staat“, weiß Munsch, der seine Verhaltens-Forschung weniger am Schreibtisch, eher im Umgang mit Kraftfahrern und an Unfallorten betreibt, „ist alles klar: Wo es nicht klappt im Verkehr, liegt das vor allem daran, daß der Mensch nun mal schlecht und uneinsichtig ist“.